Das Gebäude verhüllt bis zur Unkenntlichkeit wirkt noch bescheidener und unscheinbarer in der Umgebung von Hochhäusern als vor 40 Jahren - im Jahr 1970 - als es die meisten zum letzten Mal nach dem Tag der mündlichen Prüfung gesehen haben. Vielen galt das Gebäude als einfache, schlichte Kiste, eben modern. Prägend war damals die große Achse der Friedrich-Ebert-Anlage, der Platz der Republik als Verkehrsraum, das protzige ehemalige Polizeipräsidium, ansonsten nichtssagende Nachkriegsarchitektur, dazwischengestreut gründerzeitliche Bauten.
Zehn Schüler und Schülerinnen der damaligen Abiturklasse OIsb von Herrn Dr. Barton haben den Weg an diesem zunächst trüb wirkenden Juni-Tag, sogar aus dem entfernten Turin, zum Goethe-Gymnasium gefunden.
Verhüllt wie das Gebäude war, war es nicht - wie spöttisch bemerkt wurde - einem Christo-Kunstwerk nachempfunden, sondern Opfer eines maroden Bauzustandes, das der Reparatur und Sanierung unterzogen wurde. Im Zustand "under construction" war es Dank der Unterstützung und Führung von Marita Hofmann möglich, dass wir unsere alte Stätte besichtigen durften.
Das Entree der lichten Eingangshalle mit dem Treppenaufgang, die beiden Seitenflügel davon abgehend, einer nach Norden mit den Klassenräumen, der andere nach Süden wegen der Sanierung verschlossen, gaben sofort Orientierung und Klarheit. Unisono - fast ein wenig empört - stellen wir fest, dass das Goethe-Zitat : Was ist die Pflicht des Tages, .... ersetzt wurde durch das Wandrelief der Weltkarte aus dem ersten Geschoss. Das Gefühl, dass die Eingangshalle viel kleiner wirkte als früher, ist nicht der mangelnden Erinnerung geschuldet, sondern der tatsächlichen baulichen Veränderung. Die Pförtnerloge wurde aufgegeben zugunsten eines voll nutzbaren Raumes. Durch die Sanierungsarbeiten ist es leider nicht möglich, die Aula, wie auch den gesamten Südflügel mit der ehemaligen Mensa, Lehrerzimmer und Fachräumen zu besichtigen; allerdings dafür den einhüftigen Klassentrakt mit unserem Klassenzimmer im ersten Stock. Die Flurwände sind hell geputzt, keine Kleiderhaken, keine Verschmutzungen zieren die Wände; fast unwirklich für ein Schulgebäude. Marita Hofmann versichert, dass nach der Sanierung die Wände als Ausstellungsfläche für Kunstprojekte aus den jeweiligen Kursen genutzt werden sollen. Wir unterstützen dies einhellig, nachdem die Vitrine mit den Stuhlmodellen nur einen kleinen, aber doch beeindruckenden Einblick gibt. Unser Klassenzimmer ist nun deutlich kleiner als früher durch die eingebauten Schließfächer; eine sinnvolle Investition. Unsere persönlichen Habseligkeiten hingen einst an Haken auf dem Flur und waren trotzdem am Ende eines Schultages noch vorhanden.
Die Ausstattung mit neuen Medien und Techniken in einzelnen dafür vorgesehenen Räumen überzeugte, auch wenn sich keiner von uns wirklich vorstellen wollte, so hätte unterrichtet worden zu sein.
Der schönste Ort für uns alle war die neue Präsenzbibliothek, ein Ort, der etwas Heiteres, Animierendes und Neugierigmachendes ausstrahlte; dort, wohin man sich gerne zurückziehen wollte, ohne eingeschlossen zu sein. Dieser Ort konnte nur geschaffen werden, da er von dem großzügigen Treppenhaus abgeknapst wurde. Dieser bauliche Eingriff hat zwar die Weite des Treppen- und Aufgangsbereichs reduziert, jedoch mit Bedacht die Struktur
des Gebäudes aufgenommen und lässt durch Verglasungen und natürliches Licht eine offene Wirkung entstehen.
Die aufgestockte Mehrfachturnhalle war auch in ihrer modernen Materialität der Metallhaut beieindruckend. Schwer vorstellbar war allerdings, wie derzeit 1.100 Schüler und Schülerinnen zwischen den Schulcontainern die Restfläche des Pausenhofes nutzen können.
Auch wenn nicht alle Räumlichkeiten besichtigt werden konnten, strahlte das Gebäude diesen klaren, offenen und fast heiteren Charakter aus, dem die Umbaumaßnahmen ein Zugewinn sind, da die Eingriffe dem Gebäude mit Respekt und Zurückhaltung begegnen.
Das "Goethe" war sehr gut wiederzuerkennen und die Veränderungen haben es weiterentwickelt und den neuen Anforderungen angepasst. So wie wir uns verändert haben - 40 Kilogramm älter, wie Reinhard Herbrüggen bemerkte - , sind wir in unseren strukturellen Charakteristika wiedererkennbar geblieben: Stimme, Gestik, Mimik waren unverwechselbar. Die ruhigen Zurückhaltenden waren es nach wie vor; die forschen "Draufgänger/in" konnten sich nicht verstellen.
Die heitere Gelassenheit, das sehr gnädige sonnige Wetter, die Initiative und unermüdliche Ausdauer von Corinna Hilpert-Schmiz bei der Vorbereitung und nicht zuletzt die Exkursion zur Kunst im öffentlichen Raum, geleitet von Ehemann Gustav, haben uns untereinander, die Schule und die Stadt neu sehen gelehrt.
Eine sehr persönliche Anmerkung möchte ich mir noch in Sachen Architektur erlauben: Ich bin außerordentlich erfreut, dass sich die Schule zu dieser behutsamen Sanierung entschlossen hat und dass man die Denkmaleigenschaft der Schule erkannt hat. Ein Denkmal wird im allgemeinen als lästige Behinderung für Baumaßnahmen erachtet. Ich war oft in großer Sorge, dass die "moderne Kiste" einem heute zeitgemäßeren und funktionaleren Schulgebäude weichen müsste. Bereits als Schülerin, als ich noch nicht wusste, dass ich einmal Architektin werden würde, hatte dieser übersichtlich strukturierte kubische Baukörper mit der Fassade aus sehr geschlossenen Flächen, dann wieder gläsernen, lichten Teilen im Erdgeschoss und Treppenhaus eine besondere Wirkung auf mich, der ich allerdings auch keine besondere Bedeutung beigemessen habe.
Heute bin ich überzeugt, dass die gebaute Umwelt, Einfluss auf den Menschen ausübt. Ich rede nicht einer sozial-romantischen Vorstellung das Wort, dass gute Architektur bessere Menschen macht und vice versa. Dies wahrhaft nicht; aber sie kann Maßstab, Struktur und Orientierung geben. Dies sehe ich auch in dem Schulgebäude vom "Goethe" und hoffe daher, dass die Schule bald in der gewandelten Form wieder in den Vollbetrieb gehen kann. Ich wünschte mir, dass Schülerinnen und Schüler aber auch das Lehrerkollegium und die Schulleitung diesem Gebäude weiterhin im Besonderen zugewandt sind.
Anne-Luise Müller
Die Bilder in größerem Format : auf die Bilder klicken